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Fachinformationen

WERTANALYSE

Autor: Denis Roth
Letzte Änderung: 14.11.2011
“Eine praxiserprobte Methode zur Steigerung des Wertes von Produkten, Leistungen und Abläufen.”/1/
“Wertanalyse ist eine normierte Vorgehensweise.” /2/


Definition:

Die Wertanalyse (Funktionskostenanalyse) verfolgt das Ziel, alle für den Wert bzw. die Funktion eines Produktes oder einer Dienstleistung nicht notwendigen Kosten zu erkennen und zu eliminieren. Es handelt sich also um eine Systematik, die sich mit dem Produkt in seiner Gesamtheit und in seinen einzelnen Bestandteilen auseinandersetzt. Deshalb sollten in ein gutes Wertanalyseteam nicht nur die Fachleute von Einkauf, Produktion und Verkauf einbezogen werden, sondern wenn möglich auch Lieferanten und Kunden. Die Teamleitung wird oft einem Controller übertragen. /3/
 
Entwicklung der Wertanalyse:  [/2/, /4/]
  • Entwickelt von Lawrence D. Miles (Einkaufsleiter von General Electric) als „Value analysis" in den 1940er Jahren
  • Grund: Rohstoffverknappung während des 2. Weltkrieges
  • Zunächst angewandt bei der Teilebeschaffung von Zulieferern
  • 1959: Gründung der „Society of American Value Engineers" (SAVE)
  • Weiterentwickelt von M.D.Barrows, einem Mitarbeiter von Miles
  • In Europa seit den 1950er Jahren bekannt
  • In Deutschland erstmals 1959 in der Kraftfahrzeug- und Elektroindustrie eingesetzt
  • 1967:Gründung des VDI-Gemeinschaftsausschusses WA
  • 1973: Wertanalyse-Norm (DIN 69910)
  • 1984: Zentrum Wertanalyse (ZWA) des VDI
  • ManagerMagazin (10/1992): „(Heute) verfügen die meisten Grossunternehmen, insbesondere in der Elektro- und Automobilindustrie, über hauptberufliche Wertanalytiker."
Vorteile der Wertanalyse: [/5/, /6/]
  • Gleichzeitig Rationalisierung und Innovation
  • Kostensenkung, Effektivitätssteigerung
  • Qualitätssteigerung
  • Auf jede Art von Problemstellung anwendbar
  • Auf bestehende sowie auf entstehende Objekte anwendbar
  • Funktions- und kostenorientiertes Arbeiten
  • Zeitersparnis
Nachteile der Wertanalyse: [/5/]
  • Sehr komplex
  • Hoher Schulungsaufwand
  • Lange Durchführungszeit
10 Charakteristika der Wertanalyse: [/1/]
  1. Ganzheitliche Betrachtungsweise: Lösungen für Probleme/Aufgaben sind für ein Unternehmen meist nur dann sinnvoll, wenn alle bedeutsamen Einflüsse aus dem Unternehmen selbst und aus seiner Umwelt berücksichtigt worden sind. Bewußte Überlegungen, ob und wie sehr einzelne Einflüsse im jeweiligen Projekt berücksichtigt werden müssen, reduzieren das Risiko einseitiger Betrachtungen und das Ziehen ungerechtfertigter Schlüsse aufgrund mangelhafter Informationsgrundlagen.
  2. Interdisziplinäre Gruppenarbeit: Nur die problem- und aufgabenorientiert zusammengesetzte Gruppe aus Mitarbeitern unterschiedlicher Unternehmensbereiche sichert die erforderliche Wissenstiefe und -breite und fördert gegenseitige Anregung. Einseitige Betrachtungen, die Favorisierung von "Lieblingsideen" und die Realisierung von "Insellösungen" werden dadurch verhindert.
  3. Fokus auf Funktionen und Kosten: Eine an seinen Funktionen orientierte und somit von seinen Bestandteilen losgelöste Analyse eines Wertanalyse-Objektes erleichtert neben einer Kostenanalyse das Erkennen von Detailproblemen und von Ansätzen für oftmals neuartige/innovative Lösungen. Die konsequente Beschäftigung mit den Funktionen des Wertanalyse-Objektes zwingt zur Beantwortung vielfältiger Fragen und führt zu einem tiefen Verständnis der Ausgangssituation und zukünftiger Zustände.
  4. Struktur durch Arbeitsplan: Ein in Grund- und Teilschritte gegliedertes Vorgehen erleichtert systematisches Arbeiten und erhöht die Wahrscheinlichkeit, ausgezeichnete Ergebnisse bei zugleich wirtschaftlichem Aufwand zu erreichen. Der Arbeitsplan liefert Orientierung und fördert zugleich die Disziplin im Vorgehen.
  5. Eigenständige Projektarbeit: Eine auf die jeweilige Organisationsform des Unternehmens und auf das "Tagesgeschäft" der Teammitglieder abgestimmte Projektarbeit sichert die erforderliche Flexibilität und Qualität im Ablauf. Vorausschauende Integration und Planung der Ressourcen unterstützen die Wertanalyse-Bemühungen im Rahmen des Projektmanagements.
  6. Anwendungsneutraler Einsatz: Die Wertanalyse kann ohne Änderung ihrer Grundsätze auf Probleme und Aufgaben unterschiedlicher Art wie Produktverbesserung, Konzeptentwicklung und Ablaufoptimierung angewendet werden. Zielsetzung des Projekts, wirtschaftliche Kriterien und das individuelle Wertanalyse-Umfeld bilden oft die wesentliche Grundlage für die Entscheidung über den Einsatzbereich der Wertanalyse.
  7. Orientiert an möglichst quantifizierten Zielvorgaben: Klare Zielformulierungen fördern die Konzentration der Wertanalyse-Arbeiten auf das Wesentliche und steigern dadurch die Effizienz des gesamten Wertanalyse-Projektes. Sie beeinflussen die Arbeitsintensität in ihren Bestandteilen Arbeitstiefe und -breite. Die Überprüfung der Zielerreichung und somit der Nachweis des Projekterfolges wird durch meßbare Kenngrößen wesentlich erleichtert.
  8. Problem- und prozessorientierte Informationsverarbeitung: Die Einzigartigkeit jeder Wertanalyse aufgrund der Aufgabenstellung, der Gruppenzusammensetzung und anderer Einflüsse erfordert stets eine daran angepaßte Informationsverarbeitung. Diese wird in ihrer Tiefe und Breite und in ihrem Inhalt und Ablauf unter Einsatz der Moderationsmethode situativ bestimmt und gefördert. Dieses Vorgehen liefert "Körper und Fleisch auf das methodische Skelett des Wertanalyse-Arbeitsplans".
  9. Wertschätzung des Einzelnen und Eingehen auf seine Individualität: Menschliche Eigenheiten und Eigenschaften wie Engagement, Kommunikationsvermögen und Veränderungsbereitschaft prägen zwangsweise die Qualität der Wertanalyse-Arbeit als Ergebnis menschlicher Anstrengungen und sind somit stets bewußt zu berücksichtigen. Nur dann wird auch das Umsetzen von Lösungen erfolgreich sein. Wertschätzung und Toleranz sind die Schlüssel für erfolgreiche Gruppenarbeit.
  10. Anwendung von Regeln für schöpferisches Arbeiten: Die Berücksichtigung von aus Wissenschaft und Praxis gewonnenen Empfehlungen zur Förderung kreativer und innovativer Prozesse im einzelnen und in der Gruppe erhöht die Wahrscheinlichkeit, neuartige und originelle, zugleich aber auch aktuelle und brauchbare Lösungsansätze zur Zielerreichung zu entwickeln. Offenheit und angenehmes Arbeitsumfeld fördern Kreativität und Spontaneität.
Arbeitsplan nach DIN 69910:
  • "Die Wertanalyse ist ein System zur Lösung komplexer Systeme, die nicht oder nicht vollständig algorithmierbar sind."
  • 6 Grundschritte:
  1. Projekt vorbereiten
  2. Objektsituation analysieren
  3. Soll-Zustand beschreiben
  4. Lösungsideen entwickeln
  5. Lösungen festlegen
  6. Lösungen umsetzen
Vorgehensweise nach SAVE:
  • Kurt Gernert, SAVE Int. Vice President: "I am continually amazed by the impressive array of value proposals and recommendations that are developed when value methodology is applied to any and all programs, processes or projects. There is no limit to the utilization of the value methodology and no limit to the benefits that can be achieved."
  • 6 phases:
  1. Information
  2. Function analysis
  3. Creative
  4. Evaluation
  5. Recommendation
  6. Implementation
Ablauf einer Wertanalyse: [/2/, /7/]

Anwendung der 6 Grundschritte (DIN 69910)

1. Projekt vorbereiten
  • Projektmoderator benennen
  • Projektziele definieren (z.B. Senken der Herstellkosten um 15%)
  • Rahmenbedingungen und Entscheidungstellen festlegen
  • Team zusammenstellen (projektbezogene Fachleute aus den betroffenen Bereichen, 4 bis 8 Personen)
  • Terminziele planen
2. Objektsituation analysieren
  • Daten sammeln (Anwender-, Markt-,Unternehmens- und Wettbewerbsdaten, Sicherheitsvorschriften, Kalkulationsunterlagen, Vergleichskosten)
    • z.B.: Fertigungsstruktur, Markttendenzen, Patentsituation
  • Funktion des Objektes bestimmen ("Funktion im Sinne der Wertanalyse ist jede einzelne Wirkung des Wertanalyse-Objektes.")
  • Denken in Funktionen ist das wesentliche Kennzeichen der wertanalytischen Vorgehensweise
  • Aufgliedern der Hauptfunktion in Einzelfunktionen
    • Hierarchie von Funktionen erster, zweiter (..) Ordnung
    • Hauptfunktionen 1.Ordnung: dienen dem Zweck des Objektes
    • Hauptfunktionen höherer Ordnung unterstützen Hauptfunktionen 1. Ordnung
  • Nebenfunktionen definieren
    • Nebenfunktionen dienen nicht dem Zweck, sondern der "Marktkonformität", z.Bsp.: ausgefallenes Design
  • Auch unerwünschte Funktionen werden erkannt
  • Bestimmen der Haupt- und Nebenfunktionen der Komponenten des Objektes
  • Zuordnen von Kosten zu den Funktionen
3. Soll-Zustand beschreiben
  • Funktionsgerichtete Ermittlung von Einsparungsmöglichkeiten
  • Bestimmung von Soll-Funktionen und Zuordnen von Kostenzielen
  • Funktionswert: Übereinstimmung von Funktionserfüllung und minimalen Kosten
  • Wertbegriff in der Wertanalyse : Verbindung zwischen den technischen Lösungen der Hersteller und dem Wunsch des Kunden
  • Bestimmen der Sollfunktion durch Vergleichen der Anforderung der Kunden mit den Produktionskosten (Wertziel)
  • Wertziel: Ziel, das auf der billigsten Funktionsalternative beruht und dabei die Hauptfunktion des Produktes erfüllt.
4. Lösungsideen entwickeln
  • DIN 69910: "Schöpferischer Schwerpunkt der Wertanalyse"
  • Frage: "Wie kann die geforderte Funktion noch erreicht werden?"
  • Teamarbeit unter Verwendung von Kreativitätstechniken wie Brainstorming, Morphologie,...
  • Quantität statt Qualität, das Bewerten der Ideen erfolgt später!
  • Wesentlich bei der Wertananalyse: Trennung von schöpferischer und bewertender Phase
5. Lösungen festlegen
  • Bewertung der gesammelten Ideen (mehrstufig):
  1. Unsinn eliminieren
  2. Ähnliche Ideen zusammenfassen
  3. kostengünstige Ideen erkennen
  4. Ideen ausarbeiten und verfeinern
  5. beste Idee auswählen
  • Technische und wirtschaftliche Bewertung
  • Bei gleicher Funktionserfüllung mehrerer Alternativen entscheiden die Kosten
6. Lösungen umsetzen
  • Präsentation der Ergebnisse
  • Umsetzung (Planen, Einleiten, Überwachen)
  • Ende der Wertanalyse: Abschlussbericht
Beispiel:
Entwicklung des Wertes eines digitalen schnurlosen Telefons
  • Die Hauptfunktion "Telefonate ermöglichen" ist auch gegeben durch ein klassisches analoges Wählscheibentelefon
  • Wertziel: Preis eines analogen Wählscheibentelefons
  • Nun werden Nebenfunktionen (Mobilität, gute Tonqualität, Display, modernes Design,...) hinzugefügt, um ein wettbewerbsfähiges Produkt zu erhalten.
  • Solange die Kostendifferenz zwischen Wertziel und aktuellen Produktionskosten weitere Verbesserungen zulässt, werden diese dann vorgenommen. So wird der Wert des Produktes entwickelt, ausgehend von der billigsten Möglichkeit.


Zitat:

"This is an organized approach to accomplish a function at the lowest cost. It is not another form of cost reduction programme. Cost reduction is cost orientated, and although costs may be reduced value and reliability are often reduced accordingly. Value analysis is function orientated and usually costs are reduced drastically while not affecting function; in fact, often increasing value and quality substantially. It can reduce costs considerably even after a Cost Reduction team has studied the same project."
M Williams, 1966, während der 1. europäischen WA Konferenz /8/

 
Quellen:

/1/ Internet: www.wertanalyse.de
/2/ Gerd Bender: "Was ist Wertanalyse - und was macht sie für die Industriesoziologie und gesellschaftstheoretisch so interessant?"
/3/ QM Lexikon
/4/ Internet: www.wertanalyseausbildung.de
/5/ Michael Scharer: "Wertanalyse"
/6/ Internetauftritt des SAVE; www.value-eng.org
/7/ Wertanalyse Workshop, Dehnelt Consult
/8/ Internetauftritt: The Institute of Value management; www.ivm.org.uk

 
Literatur zum Thema:

  • Lawrence D. Miles: "Techniques of Value Analysis and Engineering", 1961
  • DIN 69910
  • VDI-Richlinie 2800
  • VDI-Bericht 849
  • H.Gärtner: "Wertanalyse in der Gebrauchs- und Konsumgüterindustrie", 1992




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